Mutterschaft bei Julia Kristeva

Julia Kristeva, 1974
Frauen am Beginn des 21. Jahrhunderts sind weitgehend frei, sich für oder gegen die Mutterschaft zu entscheiden. So die These. Oder auch nicht? Gerade Mutterschaft wird zunehmend Gegenstand politischer Programme (Maßnahmen zur Anhebung von Geburtenraten, Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf) und weltanschaulicher Debatten (Abtreibung). Vor allem im deutschsprachigen Kulturraum scheint die Rückbesinnung auf die "eigentliche Bestimmung" der Frau, die Mutterschaft, eine neue Renaissance zu erleben – Eva Herman ist wohl das prominenteste Beispiel dafür.
Doch in der Verortung der Frau/Mutter als Zentrum der Familie, die der Frau einmal mehr die Hauptverantwortung über den privaten und erzieherischen Bereich übertragen möchte, liegt die Gefahr einer neuerlichen Trennung in öffentliches und privates Leben und der herkömmlichen Rollenzuweisungen. So ist der Rückgriff auf "die Mutter" wohl eine der einfachsten Möglichkeiten, Frauen wieder in den Raum des Privaten zu drängen.
Eine Theoretikerin, die sich in ihrem Werk aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder der Figur der Mutter und dem Phänomen Mutterschaft nähert und sich intensiv damit auseinandersetzt, ist die Literaturwissenschafterin, Psychoanalytikerin und Autorin
Julia Kristeva. Bereits in ihrem aus dem Jahr 1976 stammenden Text
Stabat Mater postuliert sie die Neuformulierung einer "Ethik der Moderne" unter der Mitsprache von Frauen "mit ihrem Wunsch nach Reproduktion (Stabilität)", der
Mitsprache von Müttern.
Die Figur der Mutter und die Bedeutung und Bewertung von Mutterschaft stellt gerade in der feministischen Debatte einen ambivalenten Diskussionspunkt dar. Obwohl Feministinnen sich auf unterschiedliche Weise schon lange mit diesem Thema auseinandersetzen, scheint es doch noch immer mit einem Tabu belegt zu sein. Auch in der heutigen Gesellschaft bedeutet Mutterschaft für Frauen vielfach immer noch, eine Wahl treffen zu müssen zwischen der Entfaltung und Verwirklichung der eigenen Wünsche, Talente und Fähigkeiten im Rahmen ihrer Berufstätigkeit einerseits und der
Betreuung und Erziehung von Kindern und der Familienarbeit andererseits. Auf welche Weise könnte man über diese binäre Wahrnehmung von Mutterschaft hinausgelangen?
Julia Kristeva unternimmt diesen Versuch, indem sie neben der realen biologischen Bedeutung die Mutter als eine zentrale Figur in einer Gesellschaft meint, die die Autorität Mutter anerkennt und deren Strukturen sich nicht nur an der Vater-Sohn-Achse, sondern auch an der
Mutter-Tochter Beziehung orientieren.
Stabat Mater ist ein binär angelegter Text, der im Grunde zwei einander ergänzende Diskursstränge in sich vereint: Der erste Diskurs, der im Layout des Textes die rechte Seite einnimmt, folgt im Wesentlichen den Bildern von Mutterschaft, die im christlichen Kulturkreis vor allem durch die Figur der Jungfrau Maria geprägt sind. In sieben Unterkapiteln werden die unterschiedlichen Projektionen und Zuschreibungen, die mit der jungfräulichen Mutter verbunden sind, sowie die Aspekte der machtvollen kulturellen Wirkung dieser "imaginären Konstruktion" diskutiert. Diesen Ausführungen gegenübergestellt ist ein zweiter Diskurs, der die linke Seite einnimmt und kursiv gesetzt ist. In der Tonart und Argumentationsweise ganz anders angelegt, thematisiert dieser Textteil die naturalistische Seite von Mutterschaft: Das körperliche Erleben von Schwangerschaft, Geburt und Mutterliebe wird in seiner Eindringlichkeit gezeigt, die semiotische Unterwanderung der symbolischen Ordnung am Körper der Mutter illustriert.
Im letzten Abschnitt des
Stabat Mater geht Kristeva daran, die beiden Argumentationsstränge inhaltlich zu verbinden und einen neuen Mutterschaftsdiskurs zu formulieren. Diese Notwendigkeit resultiert ihrer Ansicht nach aus dem Umstand, dass der Ort der Mutterschaft ein wenig beschriebener sei und die Mütter mit ihren "wirtschaftlichen Schwierigkeiten" und dem "Schuldgefühl" weitgehend allein gelassen werden. Im Gegenzug plädiert sie dafür, dem zuzuhören, was Frauen in der Erfahrung der Mutterschaft in Form von Gefühlen, Eindrücken und Gedanken beschäftigt. Auch gelte es, der "großartigen Konstruktion des Mütterlichen", die das Christentum mit der Jungfrau Maria geschaffen habe, auf die Spur zu kommen und sie in ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit eingehend zu untersuchen. Dies schreibt sie 1976. In einer Zeit also, in der einige Jahre zuvor – gemäß ihres feministischen Generationenmodells – Frauen zum
Feminismus gekommen sind, die sich von ihren existenzialistischen Vorgängerinnen dadurch unterscheiden (wollten), dass sie an die Stelle des politischen Kampfes die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den Besonderheiten der weiblichen Psyche und des weiblichen Körpers setzten und diese aus dem Bereich des Verdrängten und unter Zuhilfenahme der Psychoanalyse in die Sprache holten. Diesem Projekt sieht sich Kristeva mit ihrem Stabat-Mater-Text auch verpflichtet.
In diesem Sinne postuliert Kristeva einen
neuen Diskurs über die Mutterschaft, der die
Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern neu bewertet und so die Möglichkeit der Genese einer
neuen weiblichen Subjektivität bereitstellt. Indem auch die "Vorstellungen von Haß und Liebe" neu formuliert werden und das Ausscheren einer Frau aus der Gemeinschaft der Frauen nicht mehr als Bedrohung erlebt wird, wird auch der Herausbildung einer
positiven weiblichen Autorität der Weg geebnet. Ein neuer Mutterschaftsdiskurs, der dringend benötigt wird, wurzelt in der Neubewertung der Figur der Mutter, wenn möglich losgelöst vom Ballast ambivalent oder negativ besetzter kultur- und religionsgeschichtlicher Zuschreibungen, die sie in ihrer Zweckgebundenheit belassen.
Dies impliziert natürlich auch eine (gewünschte und erstrebte) Verschiebung innerhalb des gesellschaftlichen Machtgefüges, allerdings nicht auf Kosten des einen zugunsten des anderen, sondern in Form von "Gegenbesetzungen in starken Werten, in starken Äquivalenten der Macht" – wie Kristeva es formuliert –, die ein
Gleichgewicht herstellen zwischen Aspekten der Gleichheit und der Differenz.
Julia Kristeva: Stabat Mater. In: Dies.: Geschichten von der Liebe. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2002 (9. Aufl.). SS. 226–255.
Mehr über und von Julia Kristeva unter www.kristeva.fr.